Sonderprogramm "Jugend mit Zukunft" "Vom Schulhof zum Spielhof"

 

Der folgende Text ist in einer Handreichung veröffentlicht, die allen Berliner Schulen zugesandt wurde.

Konzeption "Vom Schulhof zum Spielhof"

Das Abgeordnetenhaus von Berlin stellte mit der Verabschiedung des Haushalts 1993 Mittel für Maßnahmen zur Gewaltprävention zur Verfügung. Aus dem Teilprogramm "Vom Schulhof zum Spielhof" des Sonderprogramms gegen Gewalt "Jugend mit Zukunft" können Berliner Schulen seit Jahren Mittel r die Umgestaltung der Schulfreiflächen in Eigeninitiative beantragen.

Gefördert werden insbesondere:

- Maßnahmen, die konkrete Bedürfnislagen der Schüler berücksichtigen sowie ein hohes Maß an Akzeptanz und Identifikation mit dem Projekt erwarten lassen

- Maßnahmen, die als Bestandteil sozialen Lernens zu verstehen sind und Eigenständigkeit, Phantasie und Selbstorganisation anregen

- Maßnahmen mit kommunikativem Charakter, die das Zusammenwirken von Lehrern, Schülern und Eltern befördern

- Projekte, die ggf. Anregungen von Arbeitsgemeinschaften und anderer Initiativen aufgreifen und bereichern können

- Projekte, die gemeinsam mit ausländischen Mitschülern durchgeführt werden." (aus Rundschreiben SenSchulSport II Nr.15/1993 - )

"Schulhöfe sind neben Kinderspielplätzen oft die letzten Reservate, in denen Kinder ungestört spielen können. Da sich auch in Berlin - und hier insbesondere in den östlichen Bezirken der Stadt - Schulhöfe als ungegliederte, weiteversiegelte Fläche darstellen, öd und zum Spielen wenig einladend, ohne sinnliche Anregung und ohne Spielwert, soll mit diesem Schwerpunkt den Bedürfnissen der Kinder stärker Rechnung getragen werden. Gerade in diesem Teilprogramm kommt es auf die Beteiligung der potentiellen Nutzer bei Ideenfindung, Planung und Umsetzung an. In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß mit der Gestaltung eines Schulhofes zum Spielhof die Öffnung des Schulhofes am Nachmittag, am Wochenende und in den Ferien verbunden ist. Es kann nicht allein darum gehen, fertig gebaute Spielgeräte aufzustellen, sondern eine räumlich erlebbare Untergliederung der Spielhoffläche in verschiedene Bereiche, um natürliche raumgliedernde Elemente wie z.B. Hügel, Wälle, Mulden usw., um bespielbare Biotope wie Hecken, Labyrinthe, Gebüsche, um elementare Spielmaterialien wie Holz und Wasser, um Spielgeräte, die sich in dieses Bedingungsgefüge einpassen und Teil von ihm sind." (Rundschreiben der Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport vom 7.12.1993)

Konzeptionelle Überlegungen

Standortwahl

Projektsstandorte sollen durch ein Defizit an Spielraum in der Umgebung der Schule ausgewiesen sein. Sinnvollerweise handelt es sich um Schulstandorte, welche

1. die Bedingungen der Öffnung der Pausenhöfe erfüllen

2. von Seiten der zuständigen Ämter der Bezirke als geeignet befürwortet werden

3. bereits Vorstellungen innerhalb der Schule entwickelt haben zur Umgestaltung der Schulfreiflächen - mindestens unter Beteiligung der Schülerinnen und Schüler am Planungsverfahren, möglicherweise der Eltern, Nachbarschaft, Initiativen etc. oder mit praktischen Umgestaltungsarbeiten begonnen haben und somit ein hohes Maß an Akzeptanz und Identifikation mit dem Projekt erwarten lassen.

Die finanziellen Mittel

Die Mittel werden der Schule vorrangig für Material zur Verfügung gestellt. Soweit nötig werden Mittel für die planerische und anleitende Betreuung der Schule bei der Konzeption als Honorare für Landschaftsplanerinnen, Spielraumgestalterinnen, Künstlerinnen etc. bereitgestellt. Notwendige Baumaßnahmen werden - soweit sie nicht durch Eigentätigkeit der Schule/bezirkliche Maßnahmen/Sponsoren übernommen werden - vorrangig Arbeitsfördergesellschaften/ gemeinützig tätigen Gesellschaften übertragen.

Finanzielle Mittel, die in Maßnahmen zur Umgestaltung von Schulhöfen, welche nach "Grün macht Schule"-Modellen konzipiert und durchgeführt wurden, wurden je nach Eigentätigkeit der Schule bis zu verfünffacht. Wünschenswert ist, die den Bezirken zur Verfügung gestellten Mittel auf einen bzw. wenige Standorte zu konzentrieren, da die zu erwartende intensive Mehrfachnutzung qualitativ hochwertige Ausführung voraussetzt.

Planung- Realisierung, Veränderbarkeit

Am Planungsverfahren sind alle späteren Nutzerinnen und Nutzer zu beteiligen. Die Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in die Planungsphase ist eine wesentliche Bedingung für die erfolgreiche Realisierung des Spielraumkonzeptes.

Die Planungsgruppe besteht sinnvollerweise aus

- Kindern und/oder Jugendlichen der Schule

- Kindern und/oder Jugendlichen des Einzugsgebietes der Schule

- der Schulleitung

- Lehrerinnen und Lehrern

- dem Hausmeister

- Eltern

- Nachbarinnen und Nachbarn der näheren Umgebung

- (Bürger-)Initiativen der näheren Umgebung

- bezirklichen Initiativen, welche Verbesserungen des Angebotes für Kinder und/oder Jugendliche anstreben

- Vetreterinnen und Vetreter der zuständigen Ämter (Bildung und Kultur, Naturschutz- und Grünflächenamt, Tiefbau- und Hochbauamt, Jugend und Soziales, Umweltamt)

- einer Landschafts- oder Spielraumplanerin

- einer Vertreterin von "Grün macht Schule"

Grundsätzlich stehen die Planungstreffen allen Interessierten offen. Sie werden durch gewählte Vertreterinnen einberufen und organisiert. Aufgabe der Planungsgruppe ist die Erarbeitung eines naturnahen Spielraumkonzeptes für die entsprechende Schulfreifläche unter Einhaltung der folgenden Kriterien:

1. Nutzung der Planungsphase zu Fortbildung und Orientierung der Beteiligten (inkl. der Kinder und Jugendlichen)

2. Erarbeitung eines Stufenkonzeptes zur schrittweisen Umgestaltung der Freifläche mit der Möglichkeit, während des Planung- und Bauverfahrens sinnvolle Veränderungen vornehmenzu können

3. Festlegung eines möglichst hohen Anteils an Eigentätigkeit der Kinder und/oder Jugendlichen bei der Umgestaltung

4. Einsatz umwelt- und gesundheitsverträglicher Technologien und Materialien und Nutzung von Recyclingmaterialien

5. Erarbeitung eines Pflegekonzeptes

6. Herstellung eines oder mehrerer Modelle und Erstellung eines Landschaftsplanes

7. Erarbeitung eines Konzeptes zur Einbeziehung des Umgestaltungsprozesses in Unterricht und Freizeitaktivitäten

8. Erarbeitung eines Konzeptes zur innerschulischen Organisation der Beteiligung an der praktischen Umgestaltung

9. Erarbeitung eines Konzeptes zur Einbeziehung der außerschulischen Kinder und/oder Jugendlichen, der Nachbarschaft, der Eltern, Ämter, Initiativen und potentieller Sponsoren.

Die Planungsphase ist nicht zeitlich begrenzt. Selbst bei konzentrierter und zielgerichteter Planung ist aufgrund der umfangreichen Betroffenenbeteiligung ein Zeitraum von einem halben Jahr mindestens nötig. Das Spielraumkonzept ist auf Veränderbarkeit - auch nach Abschluß der Bautätigkeit - ausgelegt, um nachfolgenden Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit eigener Gestaltungskonzepte zu ermöglichen. Die Entscheidung über das von der Planungskommission erarbeitete Spielraumkonzept trifft die Schulkonferenz. Alle Mitglieder der Planungskommission können abweichende Standpunkte schriftlich darlegen. Die Realisierung der einzelnen Bauabschnitte richtet sich im Gegensatz zum üblichen Bauverfahren nach den Bedürfnissen der Schulen und dem Rhythmus des Schuljahres und ermöglicht im projektorientierten Unterricht und/oder Arbeitsgemeinschaften die Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in die praktische Umsetzung. Vertragliche Regelungen über Pflege, Restaurierungen etc. sind zwischen Schule und dem bezirklichen Naturschutz- und Grünflächenamt zu treffen.

Zur langfristigen Einbindung des Projektes in die schulische Nachbarschaft und zur späteren Finanzierung kleinerer Folgeprojekte bietet sich die Gründung eines Fördervereins an.

Fortbildung

Um eine sinnvolle Spielraumgestaltung zu ermöglichen, ist ein umfangreiches Fortbildungkonzept erforderlich.

1. Das innerschulische Fortbildungskonzept

Im Rahmen der Fortbildungsveranstaltungen der Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport nehmen Lehrerinnen und Lehrer an einem Studientag und einschlägigen Fortbildungsveranstaltungen teil. Im Rahmen von Projekt- oder Wandertagen besichtigen Schülerinnen und Schüler geeignete Schulhöfe und Spielräume. Projekttage werden schulintern unter Zuhilfenahme geeigneter Referentinnen (Künstlerinnen, Planerinnen, Umweltberaterinnen, Mitarbeiterinnen von "Grün macht Schule", Nachbarinnen, Vertreterinnen von Ämtern und Initiativen) für Schülerinnen und Schüler, für das Kollegium und die Planungsgruppe organisiert. Die zuständigen Mitarbeiterinnen der Ämter und die Landschafts- oder Spielraumplanerin werden einzubezogen.

2. Das überbezirkliche Konzept

In regelmäßigen Abständen werden Treffen der Planungskommisssionen vom Arbeitskreis "Grün macht Schule" organisiert. Diese dienen der Vernetzung der Schulen, der Darstellung des Planungs-/Realisierungsstandes und dem Erfahrungsaustausch.

Dokumentation

Die Planungsschritte, Fortbildungsmaßnahmen und Umgestaltungen werden durch die Schulen dokumentiert und nach dem -vorläufigen- Abschluß der Umgestaltungen veröffentlicht. Durch Einbeziehung der Presse wird - wann immer möglich- Öffentlichkeit hergestellt. Eine ausleihbare Ausstellung/Dia-Dokumentation wird anderen Schulen als Motivationshilfe/Anschaungsbeispiel zur Verfügung gestellt werden. Die Schulen und die an den Planungs- und Umgestaltungsprozessen Beteiligten (auch die Schülerinnen !) werden als Multipikatoren wirken. Die Übertragbarkeit der gewonnen Erfahrungen/der Spielraumkonzepte auf andere Standorte innerhalb und außerhalb Berlins wird in einer abschließenden Tagung problematisiert/festgehalten.

Langfristige Wirkungen

Die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an Planung und Durchführung der Umgestaltungsmaßnahmen fördert die soziale Handlungskompetenz,, den Erwerb praktischer Fertigkeiten, das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Schule. Dies schafft Selbstvertrauen durch den Stolz auf das Erreichte, fördert das Verantwortungsgefühl gegenüber Natur und Mitmenschen, und übt in der friedlichen Lösung von Konflikten und der Durchsetzung mehrheitsfähiger Interessen demokratische Handeln ein. Durch die Öffnung der Schulen werden zahlreiche neue Kontakte und Beziehungen sowohl zum schulischen Umfeld als auch die Einbeziehung der bislang außenstehenden Kinder und Jugendlichen in das soziale Netz der Schulen gefördert. Schulhofprojekte eröffnen zahlreiche Möglichkeiten gemeinsamer identifikationsstiftender Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern. Für die Beteiligten wird erkennbar und erfahrbar, wie die oft starre Umwelt durch eigene Eingriffe positiv verändert und umgestaltet werden kann. Die nachhaltigen Veränderungen des Schülerverhaltens auf naturnah umgestalteten Freiflächen ist vielerorts durch Rückgang von Unfällen, aggressiv zerstörerischem Verhalten belegt worden. Von daher stellt das Arbeiten und Gestalten mit Holz, Steinen, Erde und Pflanzen eine Quelle fundamentaler Erfahrung dar. Falls die Schulen über die Umgestaltung hinaus Angebote im Freizeitbereich oder im Bildungsbereich (Musikschule,VHS, Bücherei, Sport etc) ermöglichen, werden diese Standorte zentrale Stätten der Begegnung werden.